11.04.2013: Wintervorbereitung trennt die Spreu vom Weizen

Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass das Konditionstraining bei Trainer Pascal Frommenwiler einen hohen Stellenwert geniesst. Vom  Oktober 2012 bis März 2013 wurde an den Konditionsfaktoren Kraft (Kraftausdauer, Maximalkraft, Schnellkraft), Schnelligkeit (Reaktionsschnelligkeit, Aktionsschnelligkeit, Frequenzschnelligkeit), Ausdauer (extensive Methode, intensive Methode, Intervall-Methode) und Beweglichkeit (Gleichgewicht, Stabilität) gearbeitet. Für PF PRO SOCCER nahm sich Frommenwiler Zeit um über die absolvierte Wintervorbereitung zu sprechen.

Pascal, worin unterscheiden sich Fussballtrainer im Bezug auf das Konditionstraining?

Im Volksmund verbindet man Konditionstraining oft nur mit dem Begriff „Sekle“. Sind wir doch einmal ehrlich, wie viele Trainer wissen, dass Konditionstraining nebst der Ausdauer auch die Faktoren Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit beinhaltet? Es steht doch an der Tagesordnung, dass viele Trainer ihre Schützlinge sinnlos blöd irgendwo in der Landschaft herum rennen lassen. Ich habe es über die Wintermonate selber oft genug gesehen. 

Wie hast du dir das Wissen angeeignet?

Ich muss dazu sagen, dass ich mich schon immer für effizientes und zielorientiertes Training interessiert habe. Ich habe viel Literatur zum Thema Konditionstraining gelesen, stehe in Kontakt mit verschiedenen Ärzten, die ich jederzeit zur Klärung individueller Fragen aufsuchen kann oder mache mich ganz einfach selbst zum Versuchskaninchen. Die Neugier ist der beste Antrieb um dazuzulernen.

Konditionstraining ist und bleibt hoch komplex, vor allem mit den Rahmenbedingungen im Breitensport. Es liegt in der Verantwortung des Trainers einen roten Faden in das Konditionstraining zu bringen. Wenn ich auf unsere Wintervorbereitung zurückblicke, dann ist mir das sehr gut gelungen. Wir haben uns intensiv mit den verschiedenen Konditionsfaktoren, am meisten aber mit der Ausdauer, auseinandergesetzt. 

Kann man im Winter überhaupt trainieren?

Ja, absolut. Wir konnten drei Trainingseinheiten pro Woche absolvieren. In den Wetterbedingungen sahen wir viel eher eine Herausforderung als eine Beeinträchtigung. Die Mannschaft hat dem Winter und der Kälte getrotzt und sich nicht unterkriegen lassen.

Mit besserer Kondition spielt man nicht automatisch auch besseren Fussball, oder?

Ja und Nein. Ich persönlich unterscheide drei Pakete. Erstes Paket ist die Kondition. Zweites Paket sind die fussballerischen Fähigkeiten. Drittes Paket ist der Mentalbereich. Kondition ist der Motor im Sport. Einfach gesagt, die Kondition entscheidet wie schnell oder wie lange man sich einer Belastung aussetzen kann. 

Wenn Dank der Kondition jetzt plötzlich mehr Wiederholungen einer Übung im Training möglich sind, dann sehe ich durchaus einen positiven Effekt auch auf die fussballerischen Fähigkeiten. Deswegen sage ich, dass die Frage sowohl mit Ja und Nein beantwortet werden kann und muss.

Wohlverstanden, alle die jetzt denken, dass wir nur Dank der Kondition plötzlich jeden Gegner in Grund und Boden stampfen, muss ich enttäuschen. Die Kondition ist nur eines von drei Paketen. Nichtsdestotrotz ist die Kondition, in diesem Sinn die eigene Leistungsfähigkeit, absolut entscheidend.

Ist es richtig, dass du am gesamten Konditionstraining teilgenommen hast?

Ja, das ist so. Ich habe die Möglichkeit genutzt mich selbst in Form zu bringen. Ausserdem spürt man so den Puls der Mannschaft. Ich denke die Spieler haben es geschätzt, dass nicht nur jemand an der Linie herumbrüllt, sondern auch selbst ins Schwitzen gekommen ist. Das fördert ausserdem den Teamgedanken. Es machte grossen Spass sich mit den Jungs auszupowern. 

Ausserdem erhalte ich dadurch ein perfektes Gespür für Dinge, die man von den Spieler abverlangen kann. Ich bin dreissig und laufe auf der Tartahnbahn während einer Stunde problemlos 11 Kilometer. Gibt es daher irgendwelche rechtfertigenden Gründe, warum und wieso das ein 20-jähriger nicht auch schaffen sollte? Nein.

Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit oder Beweglichkeit, was macht dir persönlich am meisten Spass?

Ausdauer, gefolgt von Kraft, dann knapp dahinter Schnelligkeit und zuletzt Beweglichkeit. Mein Physiotherapeut würde mich für diese Aussage wahrscheinlich an eine Wand stellen. Er meint – und ehrlich gesagt hat er auch wirklich Recht – dass ich mich schleunigst mehr mit der Beweglichkeit auseinandersetzen soll. Wo er Recht hat, hat er Recht. 

Böse Zungen behaupten, dass dein Training nicht dem Niveau einer 5. Liga entspricht, sondern wesentlich höher angesiedelt ist. Ist das so?

Das müssen nicht einmal böse Zungen sein, sondern einfach nur Leute, die es geschnallt haben. Es ist und bleibt Ziel dieser Mannschaft mittelfristig den Aufstieg realisieren zu können. Das verlangt viel Fleiss und eine grosse Portion Glück. Wir geben unser Bestes um das gemeinsame Ziel irgendwann zu erreichen.

Wir trainieren so, dass wir uns zu keinem Zeitpunkt den Vorwurf machen müssen, allenfalls zu wenig getan zu haben. Betrachte ich unsere Gruppe, dann sind wir zwar noch nicht ganz auf der Höhe eines FC Teufen oder FC Winkeln, aber wir schliessen mit kleinen Schritten auf. 

Ich will diese Mannschaft nachhaltig positionieren und keine Eintagsfliege daraus machen. Gut Ding, will Weile haben. Unsere Zeit kommt noch. Abgesehen davon sind wir im Vergleich zur Vorsaison hervorragend unterwegs. Schwarzmalerei wäre völlig unangebracht. Die Mannschaft hat sich super weiterentwickelt.

In wie weit trennt die Wintervorbereitung die Spreu vom Weizen?

Als ich den SCB2 im Sommer 2012 übernommen habe war die Mannschaft konditionstechnisch gesehen in einem desolaten Zustand. Wie soll man Fussball spielen, wenn der Motor schon nicht richtig läuft? Das geht nicht. Das damalige Niveau der Mannschaft war in etwa gleich schlecht. Es gab nur ein paar wenige Ausreisser nach oben. Ich habe der Mannschaft immer und immer wieder gesagt, dass wir alle vom gleichen unbefriedigenden Level aus in die Wintervorbereitung starten. Das Leistungsniveau der Mannschaft muss sich steigern. 

Wer in der Rückrunde eine Rolle spielen will, soll sich verdammt nochmal den Arsch aufreissen. Erfreulich ist, dass die Mehrheit begriffen hat, worum es geht. Jene Spieler haben sich hervorragend entwickelt und sehen in ihrer Kondition mittlerweile sogar eine Stärke. Es gab auch andere Spieler, die während der Wintervorbereitung selten bis gar nie zum Training erschienen sind. Aus diesem Grund sage ich, dass die Wintervorbereitung die Spreu vom Weizen bereits getrennt hat. Es gibt Gründe und Gründe für Trainingsabmeldungen. Im Gegenzug gibt es aber auch für den Trainer – und das ist was ein paar wenige noch immer nicht geschnallt haben – Gründe und Gründe um jemanden aufzubieten oder halt eben nicht. 

Was heisst das aus personeller Sicht?

Betrachte ich die Stürmer, dann findet heute ein Konkurrenzkampf statt, der vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre. Technische Differenzen werden immer kleiner, dafür aber die Unterschiede in der Art und Weise diese Position zu spielen immer grösser.

Im offensiven Mittelfeld haben wir gleich mehrere Spieler, die den Platz unter sich ausmachen.

Im defensiven Mittelfeld ist die Situation ähnlich.

In der Verteidigung will ich den Konkurrenzkampf ein wenig wegnehmen und dafür Konstanz hineinbringen. Ein defensiver Spieler tickt nun einmal anders als ein offensiver Spieler. Wir sprechen hier von Automatismen, die sitzen müssen. Ein ständiges Hin und Her würde in der Abwehr nur für Unruhe sorgen. Aber selbstverständlich haben sich auch Abwehrspieler von Training zu Training zu beweisen. 

Unabhängig der vorliegenden Situation muss man sich vor Augen halten, dass eine Konkurrenzsituation erst entstehen kann, wenn sich Spieler entsprechend weiterentwickeln und an vermeintlich sicheren Stammplätzen plötzlich anfangen zu rütteln.

Stand heute: Wir haben auf fast jeder Positionen einen Zwei- oder vereinzelt sogar einen Dreikampf. Für so genannte Stammspieler wird die Luft immer dünner. In der Pipeline hat es Spieler, die sich hervorragend entwickelt haben.

Es gibt aber auch Spieler, deren Rückstand zu gross ist um kurzfristig berücksichtigt werden zu können. Es spielt niemand aus Goodwill. Ich will die richtigen Leute auf dem Platz haben, keine Wohltätigkeitsveranstaltungen betreiben. 

Ist das aktuelle Mannschaftsfoto noch aktuell?

Nein. Nicht mehr dabei sind Andreas Müller, Luca Poltera, Kadir Sari, Elmir Asani und Marco Flütsch. Bis im Sommer 2013 gibt es sicher noch weitere personelle Veränderungen.

Stehst du als Trainer auch in der Saison 2013/14 noch an der Linie?

Diese Frage kann ich im Moment nicht beantworten. Es ist so, dass ich mit Abschluss des neuen UEFA B-Diploms die Empfehlung für das UEFA A-Diplom erhalten habe. Damit ich das A-Diplom machen kann, muss ich als Trainer vorab auf gewissen Stufen (bspw. 2. Liga) trainiert haben. 

Leider wird die 5. Liga nicht berücksichtigt, da sie schlichtweg zu tief ist. Der Verein ist derzeit am abklären, ob es irgend eine Lösung gibt, dass es zur Anrechnung kommt, ohne dass ich den SC Brühl verlassen muss.

 

Sollte keine Anrechnung erfolgen, dann müssen wir weiter sehen. Der Verein hat immer noch die Möglichkeit mir ein Angebot zu machen. Wenn man etwas wirklich will, dann ist man auch bereit Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen.

Wir werden sehen. Im Moment freue ich mich einfach nur auf den Start in die Rückrunde!

Beim ersten Meisterschaftsspiel geht’s auswärts gegen den FC Herisau. Was liegt drin?

Ich kann mich noch gut ans Hinspiel erinnern. Wir haben das Spiel dominiert, der FCR ging jedoch in Führung. Schlussendlich haben wir knapp mit 2:1 gewonnen. Ich hoffe doch sehr, dass wir unser Spielsystem 4-3-2-1 mehr aufzwingen können und dadurch das Spiel dominieren. Ein echter Sieg ist es nur, wenn man das Hin- und Rückspiel gewinnt. Der FC Herisau wird uns das Leben schwer machen, ganz bestimmt. Mit einem Sieg zu starten wäre natürlich super. Wir werden sehen. 

Noch irgendwelche Schlussbemerkungen?

Am 7. April 2013 haben Pascal Möller und Joël Coka am 12. Zürcher Marathon teilgenommen. Die beiden SCB2-Kicker liefen die 42.195 km in unter 4 Stunden!!!
– Pascal Möller (3:54:13,7)
– Joël Coka (3:54:14,5)

Nicht nur als Trainer, sondern auch als Kumpel bin ich verdammt stolz auf die zwei. Sie haben den Spirit aus der Wintervorbereitung offenbar dafür genutzt um sich noch höhere Ziele – folglich einen Marathon über 42.195 km – zu setzen. 

Herzliche Gratulation, wirklich bombastisch! 

 

 

 

 

 

 

 

Und was macht der Trainer heute Abend noch?

Donnerstag = Training. Ich freue mich!

PF PRO SOCCER bedankt sich für das immer wieder sehr amüsante Gespräch mit dem Trainer des SC Brühl 2. Mannschaft.

Sportliche Grüsse

PF PRO SOCCER

Dieser Beitrag wurde unter 5. Liga, Fussball, Pascal Frommenwiler, Saison 2012/13, SC Brühl veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*